Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten


Von Zigaretten halte ich persönlich ja nichts, Kaffee dagegen brauche ich fast täglich. Und wenn einer meiner Lieblingsautoren sein neues Werk „Kaffee und Zigaretten“ nennt, zögere ich natürlich nicht und laufe gleich los um es mir zu besorgen. Keine schlechte Idee, denn von Schirachs Sammlung kurzer Geschichten und Essays sind klug, einfallsreich und lesenswert.

Mit dem Erzählband „Verbrechen“ fing es vor zehn Jahren an. Der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach gibt sein Debut als Autor und hat Erfolg. Im Jahr darauf erscheint „Schuld“, ebenfalls mit kurzen Geschichten, die von seiner Arbeit inspiriert sind und den Leser treffen und sprachlos machen. Doch von Schirach kann nicht nur Erzählungen wie er 2011 beweist. In seinem erster Roman „Der Fall Collini“ geht es nicht nur um einen Mord in einem Luxushotel, sondern vor allem um die Verjährungsfrist von nationalsozialistischen Verbrechen, ein Thema, das er wohl in der eigenen Familie gefunden hat. Einer seiner Urgroßväter war Hitler-Fotograf, sein Großvater Baldur von Schirach war NS-Reichsjugendführer.

Geschichten über Recht und Unrecht

Der Verfilmung des Romans „Der Fall Collini“ läuft derzeit im Kino, die Erzählungen wurden vor einigen Jahren für das Fernsehen produziert und wurden ein großer Erfolg. Warum? Weil die Themen niemanden kalt lassen können, weil die Arbeit eines Strafverteidigers nicht leicht ist. Viele können nicht nachvollziehen warum man sich für jemanden einsetzten kann, der ein Verbrechen begangen hat, doch das ist unser Rechtssystem. Es will gerecht sein, auch wenn es das nicht immer schafft.

Doch wieder zurück zu dem aktuellen Buch „Kaffee und Zigaretten“. Wie fast alle vorherigen Werke ist dieser Band mit autobiographischen Erzählungen, Aperçus und Notizen gleich in die Top Ten der Deutschen Buchcharts gewandert und behauptet sich sogar seit einigen Wochen auf Platz 1. Kein Wunder, die kurzen Geschichten sind auf den Punkt, künstlerisch und direkt zugleich. Als Leser erfährt man mehr über den Autor, trotzdem gleitet es nicht ins zu Persönliche ab.

Außergewöhnliche Alltagsgeschichten

In den kurzen Erzählungen wird wieder bewusst was für ein gebildeter Mann von Schirach ist. Das Schöne daran: Er ist kein Angeber, er will sich damit nicht abheben, er kein einfach nicht anders. Er erzählt von Kuriositäten wie den Ausmalbüchern für Erwachsene, die ja eine Zeitlang tatsächlich verkauft wurden wie geschnitten Brot, er schreibt über die Begegnungen mit dem Nobelpreisträger Imre Kertész, der seine Wohnung über von Schirachs Kanzlei hatte, er schreibt aber auch über Dinge wie die Farbe Magenta. Habt ihr euch schon einmal gefragt wo sie bzw. der Name dafür herkommen soll? Ich habe das tatsächlich nicht, aber als ich aus dem Buch erfahren habe, dass Magenta der Name einer Kleinstadt in der Lombardei bei Mailand ist und dort Napoleon III gegen den österreichischen Kaiser kämpfte, da habe ich mich gefragt warum wir solche Dinge nicht öfter hinterfragen. Um die Geschichte abzuschließen, im Jahr 1859 wurden dort so viele Soldaten getötet, dass sich der Erdboden rot färbte. Der Name der Farbe soll daher stammen.

Kluge Worte, einfach verpackt

Besonders interessant finde ich auch die Geschichten, die er mit anderen Menschen erlebt. Mit der Chefredakteurin eines Lifestylemagazins fährt er zu einer Modenschau nach Paris, bei einer Lesung trifft er einen ehemaligen Schulkamerad und egal wo er ist, er denkt immer ein Stück weiter. Als er in einem Hotel ist, weiß er welche Künstler sich früher dort aufgehalten haben, als er bei München unterwegs ist, ist im wichtig zu erwähnen, dass die Mitglieder der Künstlergruppe Blauer Reiter dort gemalt haben. Alles ist ein großes Ganzes, alles gehört zusammen, denn ohne diese kleinen Einwürfe, wären die Texte nur Durchschnitt.

Ich mag von Schirachs Art zu schreiben einfach und freue mich über jedes neue Buch. Es sind keine Bücher, die man von vorne bis hinten durchlesen muss (außer den Roman natürlich), sondern die man bei zum Beispiel bei einer Zugfahrt perfekt lesen kann. Eine Geschichte, dann wieder ein paar Minuten aus dem Fenster gucken und so weiter.

Eine große dicke Empfehlung von mir! Lesen! Sofort!

Infos:

„Kaffee und Zigaretten“ von Ferdinand von Schirach ist bei Luchterhand erschienen. (4. März 2019)

192 Seiten 
ISBN: 978-3-630-87610-8

Das Hardcover kostet 20,00 Euro, das E-Book 15,99 Euro, ein Taschenbuch ist noch nicht erschienen. (Stand: 22.05.2019)

Bestsellerpotential?

Auf jeden Fall. Derzeit Platz 1 und schon seit Wochen in den Top Ten. Besser geht’s wohl nicht.

Weitere Rezensionen:

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